Vereinsgeschichte
100 Jahre
Grün-Weiẞ
Von der Gründung 1925 als Polizei-Sport-Verein bis zum Breitensportverein für alle – eine Geschichte in sieben Epochen.
Entstehung
Wie alles begann
Die Historie des Polizei-Sport-Vereins Grün-Weiß Wiesbaden beginnt mit der deutschen Polizeisportbewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Der Kriegsausgang und die politischen Umwälzungen stellten neue Anforderungen an die Polizei, die nur durch einheitlich geführte Formationen gelöst werden konnten. Die jungen Polizeibeamten, meist ehemalige Soldaten, mussten körperlich hochleistungsfähig sein – körperliche Übungen galten als „wertvolle Ausbildungs- und Erziehungsfaktoren".
1922 erlebte die körperliche Ausbildung in der hessischen Polizei ihre erste Blüte: Die Landespolizeischule Darmstadt wurde gegründet, Körperschulung zum offiziellen Lehrfach. Ab 1923 führte die Versetzung sportlich ausgebildeter Polizeiwachtmeister in verschiedene Standorte zu vermehrtem sportlichen Interesse und dem Wunsch nach vereinsmäßiger Organisation.
Wiesbaden hatte zu Beginn der 1920er Jahre mit separatistischen Unruhen zu kämpfen, doch ab Mitte des Jahrzehnts normalisierte sich die Lage. Mit der wiedergewonnenen politischen Stabilität hatte die Polizei endlich Zeit, Sportvereine zu gründen – Heimstätten für Sportler, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkten und sich den deutschen Sportverbänden anschlossen.
Epochen
Die Vereinsgeschichte
in sieben Kapiteln
1925–1929
Die Gründerjahre
„Leibesübung ist Dienst am Vaterlande" – mit diesem Motto wandte sich Reichspräsident von Hindenburg an seinem 80. Geburtstag am 2. Oktober 1927 an die deutschen Sportvereine. Schon zwei Jahre zuvor war in der Wiesbadener Polizeibeamtenschaft der Gedanke gereift, einen eigenen Polizeisportverein zu gründen.
Im Januar 1925 stieß Polizeihauptwachtmeister Eduard Erhard die Gründungsidee bei einer Sportstunde an. Eine vorbereitende Kommission – Walter Sternberger, Josef Kindsvogel, Walter Steinheimer, Albert Langemann, Hermann Maus, Bernhard Neudecker, Oskar Jeck und Erhard selbst – nahm die Organisation in die Hand. Am 16. Februar 1925 versammelten sich 41 aktive und 30 passive Mitglieder zur Gründungsversammlung des Polizeisportverein Wiesbaden. Erhard wurde Gründungsvorsitzender, Neudecker sein Stellvertreter. Beitreten konnten nur Polizeibeamte.
Den Anfang machte eine Handballabteilung mit drei Herrenmannschaften. Am 4. März 1925 fand das erste Training statt, vier Wochen später das erste Freundschaftsspiel gegen den Sportverein Wiesbaden – mit 3:5 verloren. In Weisenau ging das zweite Spiel dann 9:1 zugunsten der Polizisten aus.
Bis zum Frühjahr 1926 wuchs der Verein auf 120 Mitglieder. Die erste Handballmannschaft hielt die Klasse, die zweite wurde Klassen-Erster und gewann den Pokal des Nassauer Bezirks. Eine Schwimmabteilung kam hinzu. Im Frühjahr 1927 übernahm Polizeimajor Helmuth von Kropff den Vorsitz vom aus dem Dienst scheidenden Polizeimajor Rullich. Frauen stellten erstmals eine eigene Handballmannschaft, Faustball wurde eingeführt – das Damenteam musste allerdings bald aufgegeben werden, weil Trainer und Sportstätten fehlten.
1929–1933
Wachstum und Festschrift
Der Polizeisportverein wurde vier Jahre alt. Ein Grund zum Feiern? In der damaligen Zeit durchaus. Schon 1925 war der Verein unter schwierigen Bedingungen gegründet worden, dienstliche Verpflichtungen ließen oft kein geregeltes Vereinsleben zu. Und die politischen Vorzeichen waren beunruhigend: 1929 zogen in Wiesbaden die ersten Nationalsozialisten in die Stadtverordnetenversammlung ein, in Berlin kam es zu blutigen kommunistischen Unruhen.
Trotzdem wurde gefeiert. Eine anspruchsvolle Festschrift erschien, konzertante Musik unterhielt die Festgäste, die vereinseigene Musterriege am Barren trat auf, Künstler des Park-Kabaretts präsentierten sich – am Abend rundete ein großer Festball den Tag ab.
Stolz verkündete der Vorsitzende, dass der Verein mit seiner Weiterentwicklung „durchaus zufrieden sein" könne. Der Mitgliederstand war auf stattliche 234 Polizeibeamte gewachsen. Bedeutende Anschaffungen an Geräten waren getätigt, die Unfallfürsorge für verletzte Spieler gesichert, eine Sportbibliothek angelegt. Die vereinseigene Musikkapelle stand bei besonderen Gelegenheiten bereit.
Das Vereinsleben blühte – nicht nur durch sportliche Erfolge, sondern auch durch die Verbundenheit mit der Bevölkerung. Immer mehr Kinder, Jugendliche und Frauen fanden im Polizeisportverein eine sportliche Heimat. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs gehörte der PSV zu den Säulen des Wiesbadener Vereinssports.
Der Vorstand entwickelte rege Aktivität: Die älteren Sportfreunde gründeten eine Kegelabteilung, eine kurzlebige Tennisabteilung scheiterte an finanziellen Problemen, die Kleinkaliber-Schützenabteilung wurde dafür ein voller Erfolg. Auch die Leichtathleten waren rege. Es folgten Schäferhunde- und Jiu-Jitsu-Abteilung. Im Oktober 1931 schlossen sich als letzte die Fußballer an – ihr Auftaktspiel gegen die Alten Herren des SVW gewannen sie mit 4:0. Im Laufe der Jahre kristallisierten sich Handball, Fußball und Kleinkaliberschießen als die drei Hauptsäulen heraus.
1933–1939
Gleichschaltung
Die Reichstagswahl am 5. März 1933 leitete eine neue Epoche ein: Der Nationalsozialismus zentralisierte alles politische Leben. Die zuvor demokratisch ausgerichtete Polizei verlor ihren Status. Sport wurde künftig von Berlin aus zentral gesteuert und nationalsozialistischen Regeln unterworfen.
In den „Polizei-Sport-Nachrichten" des Polizei-Sport-Vereins Wiesbaden vom März/April 1935 – versehen mit Polizeistern und Hakenkreuz – wurden die neuen Richtlinien des Reichs- und Preußischen Ministeriums des Innern verkündet. Polizeisportvereine sollten eine „Pflegestätte echten deutschen Mannestums und der Kameradschaft" sein. Pro Standort war nur noch ein Polizeisportverein erlaubt, ab dem 1. April 1936 durfte der zivile Mitgliederanteil 20 Prozent nicht überschreiten.
Trotz der strengen Regeln blieb der sportliche Wettkampf rege. Nach einer 0:1-Niederlage im Fußball gegen Erbach lieferte der Abteilungsleiter eine harsche Analyse der Spielerleistungen – die Mannschaft antwortete mit einem 5:3 gegen Frauenstein und wurde Meister der Bezirksklasse II. Auch die Handballer sammelten Erfolge, etwa Siege gegen lokale Rivalen während der Karnevalszeit.
1939–1945
Krieg und Zäsur
Im Juni 1939 kündigte die Vereinszeitschrift „Polizei-Sport" noch Sommerfahrten ins Allgäu nach Balderschwang an: 60 Reichsmark inklusive Bahnfahrt ab Frankfurt, vierzehn Tage Unterkunft und Verpflegung. Ob die bis Oktober 1939 geplanten Fahrten tatsächlich stattgefunden haben, ist nicht überliefert.
Mit dem Kriegsausbruch endete das stetige Wachstum schlagartig. Sportler wurden zu Soldaten oder mussten andere Pflichten übernehmen. Im Oktober 1941 wurden die Polizeisportvereine reichsweit per Verordnung in Sportgemeinschaften der Ordnungspolizei (SpGO) umbenannt. Der Wiesbadener Polizeipräsident verkündete die Umbenennung am 25. September 1941 und bestimmte Major Stumpf zum Führer.
Am 24. September 1941 versammelten sich rund 133 aktive und passive Mitglieder in der Polizeikaserne und nahmen eine neue Satzung einstimmig an. Alle Sportaktivitäten ruhten – die Mitglieder waren an anderen Fronten gebunden. Die Monatszeitschrift „Der Polizeisport" wurde eingestellt, um Material und Personal für den Krieg zu sparen.
Die Stimmung unterschied sich deutlich von der Euphorie des Ersten Weltkriegs. Trotz Propaganda blieb die Bevölkerung gedrückt, die täglichen Verlustmeldungen häuften sich. Gesellschaftliche und sportliche Aktivitäten kamen weitgehend zum Erliegen.
Im Februar 1945 dann die Zäsur: In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar verwüsteten zwischen 23:30 und 00:30 Uhr schwere Bombenangriffe Wiesbaden. 1.045 Brände loderten. Rathaus, Lyzeum, Polizeipräsidium, Reiterhaus und die Theaterpavillons wurden zerstört. Die Geschichte stand still.
1945–1949
Neuanfang als Grün-Weiẞ
Am 28. März 1945 rückten amerikanische Truppen ohne Gegenwehr ins Wiesbadener Stadtzentrum ein. Die folgende Nachkriegszeit brachte schwerwiegende Probleme: Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit, soziale Instabilität.
Dennoch begannen einige Bürger, das Vereinsleben wieder aufzubauen. Ende 1945 und Anfang 1946 ermutigte die amerikanische Militärregierung Gespräche über die Wiederbelebung ehemaliger Turn- und Sportvereine. Mitglieder der Sportgemeinschaft Ordnungspolizei Wiesbaden versuchten, ihre Organisation fortzuführen – scheiterten aber an den Gesetzen gegen NS-affiliierte Vereine wie dem Deutschen Reichsbund für Leibesübungen.
Die Gruppe stellte beim Oberbürgermeister Georg Krücke den Antrag, einen neuen Verein unter anderem Namen zu gründen. Am 1. November 1946 wurde der „Polizeisportverein Wiesbaden" offiziell lizenziert, mit Karl Lohse als 1. Vorsitzendem und Adam Schreiner als 2. Vorsitzendem. Vorgesehen waren Fußball, Handball, Leichtathletik und Sommersport.
Die Schwierigkeiten blieben: Die Vorschriften des Hessischen Sportbundes verboten Werks-Sportvereinen den Wettkampf mit LSB-Vereinen. Die PSV-Fußballer mussten nach einem einzigen Spiel aussetzen, die Handballer wurden ähnlich abgelehnt. Erst im November 1947 wurde der PSV in einem Entnazifizierungsverfahren von jeder NS-Verbindung freigesprochen.
Am 13. August 1949 benannte sich der Verein in S.V. Grün-Weiß Wiesbaden um und beantragte die Aufnahme mit etwa 600 Mitgliedern. Am 23. August 1949 bestätigte die Mitgliederversammlung den neuen Namen und wählte Friedrich Hellwig zum 1. Vorsitzenden. Am 3. September 1949 nahm der Hessische Sportbund Grün-Weiß Wiesbaden auf – endlich freier Wettkampf und Meisterschaftsteilnahme.
1949–1972
Wiederaufbau und Rückkehr zum Polizeisport
Im Februar 1950 stellte Grün-Weiß den Antrag, wieder „Polizeisportverein Wiesbaden" zu heißen. Andere westdeutsche Länder hatten ihre Polizeisportvereine bereits reaktiviert, doch der Landessportbund lehnte ab. Trotzdem blieb das Ziel auf der Agenda – es sollte zwei Jahrzehnte dauern, bis es erreicht wurde.
Das Vereinsleben blühte parallel: Am 4. Februar 1950 fand der erste Maskenball im Gewerkschaftshaus statt, mit aufwendigen Zeremonien und Geselligkeit „bis in die frühen Morgenstunden". Hellwig betonte: „Sport auf breiter Basis" für alle Mitglieder. Im September 1950 zog Hans Vogel eine positive Bilanz des ersten Jahres, die Jahreshauptversammlung mit 109 Mitgliedern wies einen Überschuss von 1.438,98 DM aus.
Am 4. November 1950 feierte der Verein sein 25-jähriges Jubiläum im Wartburg-Saal. 1952 wurden Wolfgang Trawitzki zum 2. Vorsitzenden und Heinrich Tschauder zum Protokollführer gewählt. 1954 fanden in Wiesbaden die Deutschen Polizei-Handballmeisterschaften statt – ein bedeutendes Ereignis für die Stadt.
In den 1950er Jahren erweiterte sich das Sportangebot um Badminton, Boxen, Faustball, Fußball, Handball, Kegeln, Leichtathletik, Schießen und Tischtennis. Das jährliche Hallenhandballturnier zog 1959 erstmals internationale Gäste an, darunter schwedische und dänische Polizeisportvereine.
1962 übernahm Polizeidirektor Wilhelm Hainbach den Vorsitz und führte Frauengymnastik und -schwimmen ein. Er betonte die Rolle des Sports gegen die Verschlechterung der Volksgesundheit und verwies auf alarmierende Untauglichkeitsraten bei Wehrpflichtigen. Bis 1965 zählte Grün-Weiß mit rund 500 Mitgliedern zu den größten Vereinen Wiesbadens.
Im Januar 1971 stimmte die Mitgliederversammlung schließlich für die Umbenennung in Polizeisportverein Grün-Weiß Wiesbaden – das nach zwei Jahrzehnten endlich erreichte Ziel.
1972–Heute
Konsolidierung und Klubhaus
Im Januar 1972 wurde Polizeidirektor Dr. Karl Ender zum Vorsitzenden gewählt – ein Amt, das er 22 Jahre prägte. Im Oktober 1975 feierte der Verein sein 50-jähriges Jubiläum im Kurhaus. Dr. Ender ehrte die Gründungsmitglieder Walter Steinheimer, Georg Müller und Anton Gaykowski mit goldenen Ehrenplaketten.
Ein historischer Meilenstein gelang 1983: Der Verein erwarb mit dem ehemaligen Platzwart-Haus am Kleinfeldchen sein eigenes Klubhaus. Über 1.800 Stunden Eigenleistung steckten die Mitglieder in die Renovierung des heruntergekommenen Gebäudes.
Am 14. April 1985 schlug die Tragödie zu: Bei einem Brandanschlag durch unbekannte Täter, die sich auf eine anarchistische Bewegung beriefen, wurde das gerade renovierte Klubhaus zerstört. Die Ermittlungen blieben erfolglos und wurden im Februar 1986 eingestellt. Trotz der Katastrophe feierte der PSV im Juni 1985 sein 60-jähriges Jubiläum mit Festakten und Turnieren. Der Wiederaufbau kostete 180.000 DM – finanziert aus Versicherung, Rücklagen und erneuter Eigenleistung. Im Frühjahr 1986 wurde das Klubhaus wieder eröffnet.
1994 trat Dr. Ender nach 22 Amtsjahren zurück; der Verein zählte 1.284 Mitglieder. Manfred Tecl folgte ihm als 1. Vorsitzender. Am 18. Mai 1995 starb Dr. Ender. Beim 70-jährigen Jubiläum am 26. August 1995 wurde das Klubhaus offiziell auf „Dr.-Karl-Ender-Haus" benannt.
Mit der überdachten Terrasse Anfang 2000 setzten die Bauarbeiten ihren Höhepunkt; im März 2000 fand die erste Jahreshauptversammlung im eigenen Vereinsheim statt. Am 20. Mai 2000 feierte der PSV sein 75-jähriges Jubiläum in der ESWE-Christian-Bücher-Halle. Im November 2001 ging die Vereins-Webseite online – der PSV trat ins digitale Zeitalter ein.
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